Mehr Aufklärung zur Aktualisierung von Diagnoseverfahren

Es ist erschreckend, wie weit verbreitet veraltets Wissen in der Fachwelt noch ist!

Immer öfter kommen Patient:innen nach einem langen Weg der Recherche mit fundiertem, fachlich korrektem und aktuellem Wissen in die Diagnostik und fordern den Stand der diagnostizierenden Person heraus. Das kann zu Spannungen führen, die eine gute Zusammenarbeit und eine korrekte Diagnose verhindern.

Wir erleben sowohl für Autismus als auch für ADHS (und die Kombi AuDHS) gerade eine große Flut an Diagnoseanfragen und -stellungen insbesondere bei erwachsenen Frauen. Das liegt daran, dass sich die Diagnosekriterien in den letzten Jahren geändert haben. Durch den Einbezug neurodivergenter Eigenberichte sowie Forschungsarbeit in Neurologie und Psychologie mussten frühere Annahmen teils grundlegend überarbeitet und verworfen werden.

Nicht selten haben Erwachsene vorab Fehldiagnosen und Therapien erhalten, die nie wirklich gepasst haben. Erst mit dem Fachwissen von heute und dem Austausch mit anderen Neurodivergenten, lassen sich Symptomkomplexe erklären und unterstützen.

Bis zur aktuellen Version der Diagnoseleitlinien war eine Doppeldiagnose aus ADHS und Autismus ausgeschlossen. Heute ist bekannt, dass je nach Studienlage mehr als 70% aller Autist:innen auch ADHS-neurodivergent sind. Auch andere Aspekte wie vermeintliche Empathielosigkeit oder die Unfähigkeit, autistische Verhaltensweisen überspielen zu können, wurden verworfen.

Das hat einen enormen Impact auf die Diagnosetools, die seit Jahren in der Kritik stehen, zu pauschal auf Extremausprägungen ausgelegt zu sein. Lebensgeschichte, Sozialisierung, Rollenbilder, individuelle Fähigkeiten und Interessen werden strukturell ausgeblendet.

Gerade im Diagnoseverfahren mit Kindern wird ausgeblendet, wie erfinderisch, sozial aufmerksam und ambitioniert sie sein können, um nicht ausgegrenzt zu werden oder Erwachsene nicht zu enttäuschen. Testsituationen sind zudem meist ein großer Stressfaktor und/oder Booster für herausragende Leistungen, die Ergebnisse verfälschen können. Kinder werden zudem systematisch unter- und überschätzt.

Wir brauchen dringend mehr Aufklärung!

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